Würden Sie dafür bezahlen, ewig zu leben, wenn Sie könnten? Einige Milliardäre aus dem Silicon Valley entwickeln nicht nur Technologieprodukte – sie haben sich die Unsterblichkeit zum Ziel gesetzt.
Soziale Medien sind voller Influencer, die Peptide, „funktionelle“ Pilzpulver und andere – häufig nicht evidenzbasierte – Tricks anpreisen, die die Lebensspanne maximieren sollen. Manche behaupten sogar, das „biologische Alter“ umkehren zu können.
Der Wunsch, länger zu leben, jünger auszusehen oder einfach das eigene „beste Leben“ zu führen, ist zu einer florierenden Branche geworden. Ihr Angebot reicht von Eisbädern und Saunen über Kryotherapie-Kammern bis hin zur Rotlichttherapie.
Hinter vielen Werbebotschaften und Beiträgen in sozialen Medien stehen jedoch kommerzielle Interessen, die auf Menschen setzen, die das Älterwerden und den Tod fürchten.
Niemand lebt für immer
Der entscheidende Grund dafür, dass Menschen nicht unsterblich sind, liegt in der Evolution. Dieser Prozess begünstigt genetische Merkmale, die erfolgreiche Fortpflanzung und Anpassung fördern, nicht aber eine unbegrenzte Lebensdauer einzelner Menschen.
Schon die alten Griechen erzählten warnende Geschichten über Lebensverlängerung. Wer nach Unsterblichkeit strebte, musste dafür meist einen furchtbaren Preis zahlen. Der mythische Tithonos etwa war zu endlosem Altern und Verfall verdammt, nachdem ihm ewiges Leben ohne ewige Jugend gewährt worden war.
Heute wird die Langlebigkeitsindustrie von Risikokapitalfonds, prominenten Investoren und Pharmaunternehmen unterstützt.
Ein großer Teil dieser Gelder fließt jedoch in Produkte und Dienstleistungen, für die kaum oder gar keine Belege vorliegen, dass sie die Gesundheit tatsächlich verbessern oder die Lebensdauer verlängern.
Bei seinem viel beachteten Versuch, sein Leben zu verlängern, gibt der US-Risikokapitalgeber Bryan Johnson Berichten zufolge Millionen aus und unterzieht sich fortlaufend medizinischen Untersuchungen – mit dem unerreichbaren Ziel, niemals zu sterben.
Johnsons Langlebigkeitsprogramm umfasst eine äußerst streng kontrollierte Ernährung, Hunderte tägliche Nahrungsergänzungsmittel sowie feste Schlaf- und Trainingsroutinen. Er erhielt sogar Transfusionen mit Blutplasma seines eigenen Sohnes.
Wir sehen drei große und besorgniserregende Probleme der Langlebigkeitsindustrie.
Profit vor Evidenz
Innovation steht im Mittelpunkt der Langlebigkeitsindustrie und zieht zahlreiche Investoren aus dem Silicon Valley an, die den Alterungsprozess „hacken“ wollen. Hochwertige wissenschaftliche Belege stützen diese Innovationen allerdings nur selten.
So wird beispielsweise ein Ganzkörper-MRT als Möglichkeit vermarktet, Krebs und andere Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen, bevor sie schwieriger zu behandeln sind. Es gibt jedoch keine Belege dafür, dass diese Untersuchungen die gesundheitlichen Ergebnisse verbessern. Medizinische Fachgesellschaften weltweit empfehlen ein Ganzkörper-MRT bei gesunden Menschen nicht.
Solche Untersuchungen können zu „Inzidentalomen“ führen – unerwarteten Befunden, die unnötige Folgeeingriffe, Kosten und Ängste nach sich ziehen können.
Die Langlebigkeitsindustrie präsentiert sich als revolutionäre Alternative zur etablierten Gesundheitsversorgung. Dennoch ist sie auf genau dieses System angewiesen. Bildgebung, Bluttests und experimentelle Behandlungen führen zwangsläufig zurück in Krankenhäuser und Praxen – für Nachkontrollen, fachärztliche Beratungen und Eingriffe.
Dadurch werden bereits überlastete Angebote zusätzlich beansprucht – finanziell ebenso wie personell –, obwohl der Nutzen für die Gesundheit der Bevölkerung vermutlich gering ist.
Wer testet, wird etwas finden
Trotz der großen Begeisterung der Öffentlichkeit für Vorsorgeuntersuchungen warnen Fachleute seit Langem: Mehr Tests bedeuten nicht automatisch bessere Gesundheit.
Zu den deutlichsten Risiken zählt die Überdiagnose: Dabei wird eine Auffälligkeit oder Erkrankung festgestellt, die die Gesundheit einer Person zu Lebzeiten niemals beeinträchtigt hätte. Je mehr getestet wird, desto mehr wird gefunden – und vieles davon ist klinisch nicht relevant. So entsteht ein sich selbst bestätigender Kreislauf.
Nicht erforderliche Untersuchungen können Überdiagnosen, Zufallsbefunde und möglicherweise eine Kaskade weiterer unnötiger Eingriffe oder Tests auslösen.
Langlebigkeit ist nicht dasselbe wie Prävention
Vermarkter von Langlebigkeit behaupten, ihre Dienstleistungen und Produkte seien Teil der „Präventionsmedizin“: Krankheiten erkennen, bevor sie auftreten, und Menschen länger gesund halten.
Die Langlebigkeitsbewegung unterscheidet sich jedoch grundlegend vom Prinzip der Prävention im öffentlichen Gesundheitswesen.
Prävention in der etablierten Medizin beruht auf einfachen, evidenzbasierten Maßnahmen. Dazu gehören Impfungen und Krebsfrüherkennungsuntersuchungen im jeweils passenden Alter.
Für viele der umfassenden Tests und Behandlungen, die die Langlebigkeitsindustrie bewirbt, gibt es bei ansonsten gesunden Menschen jedoch keine eindeutigen Belege für bessere langfristige Ergebnisse.
Sie kosten schlicht viel Geld, beanspruchen erhebliche Ressourcen und können weitere unnötige Untersuchungen nach sich ziehen.
Warum das wichtig ist
Indem sie das Älterwerden medizinisiert, ist die Langlebigkeitsbewegung ein klassisches Beispiel für Disease Mongering, also die Vermarktung von Krankheiten. Zudem droht sie, Altersdiskriminierung im alltäglichen Handel zu verankern: Normales Altern wird pathologisiert, statt als Teil des Lebens akzeptiert zu werden.
Außerdem könnten Aufmerksamkeit und Ressourcen von wichtigen grundlegenden Aufgaben des öffentlichen Gesundheitssystems abgezogen werden, die die Lebensqualität von Millionen Menschen verbessern können, während wir alle würdevoll älter werden.
Der Hype um viele unbegründete Behauptungen zur Langlebigkeit lenkt von dem ab, was nachweislich wirkt: regelmäßige Bewegung, gesunde Ernährung, erholsamer Schlaf, bedeutungsvolle Beziehungen und ein gerechter Zugang zu evidenzbasierter medizinischer Versorgung.
Samuel Cornell, Doktorand für Public Health und Community Medicine, School of Population Health, UNSW Sydney; Brooke Nickel, NHMRC Emerging Leader Research Fellow, University of Sydney; und Sean Docking, Research Fellow, School of Public Health and Preventive Medicine, Monash University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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