Genetisch darauf programmierte Mäuse, an Alzheimer zu erkranken, verloren ihre Symptome nach einer experimentellen Behandlung. Ist das der erste Hoffnungsschimmer für die Millionen Menschen, die von dieser schweren Erkrankung betroffen sind?
Seit der Benennung der Alzheimer-Krankheit im Jahr 1901 galt in der Medizin ein unumstößliches Prinzip: Sobald die Erkrankung bei einem Menschen ausgebrochen war, führte ihr Weg zwangsläufig zu einem fortschreitenden geistigen Abbau. Zwar hat die Forschung bei der Diagnose erhebliche Fortschritte gemacht, doch noch immer wissen wir nicht, wie sich die kognitiven Fähigkeiten betroffener Menschen wiederherstellen lassen.
Nun scheint ein kleiner Durchbruch gelungen zu sein: Forschende der amerikanischen Case Western Reserve University erklärten, sie hätten Mäuse mit weit fortgeschrittener Alzheimer-Krankheit „geheilt“. Die am 22. Dezember in der Fachzeitschrift Cell Reports Medicine veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass ein durch die Krankheit geschädigtes Gehirn unter bestimmten Voraussetzungen sich selbst reparieren und wieder normal funktionieren könnte. Noch nie war die Alzheimer-Forschung der Aussicht, dass diese Krankheit eines Tages umkehrbar sein könnte, so nahe gekommen.
NAD+: der Energielieferant der Nervenzellen als Therapieansatz
Zwei Jahrzehnte lang versuchte die Forschung, die „Müllhalden“ des Gehirns zu beseitigen: Amyloid-Proteinplaques, die sich bei Alzheimer-Patienten ansammeln. Dabei handelt es sich um toxische Proteinablagerungen zwischen den Nervenzellen, die diese schließlich ersticken und die Kommunikation im Gehirn lahmlegen. Die Annahme war, dass die Erinnerung zurückkehren würde, wenn diese Rückstände entfernt würden. Doch ihre Beseitigung hat nie die bereits verlorenen synaptischen Verbindungen wiederherstellen können.
Dieser Therapieansatz war zwar lange die beste verfügbare Möglichkeit, doch er richtete sich eher gegen die Folgen als gegen die Ursache. Das Team hinter der aktuellen Arbeit drehte daher die Fragestellung um: Wenn sich Abfallstoffe anhäufen, fehlt den Nervenzellen vielleicht schlicht die Energie, um selbst aufzuräumen. Statt sich weiter auf die Ablagerungen zu konzentrieren, nahmen sie deshalb das „Kraftwerk“ der Zellen ins Visier: ein Molekül namens NAD+.
NAD+ dient als universeller Treibstoff der Zellen und ist ein Coenzym, das für sämtliche lebenswichtigen Reaktionen unerlässlich ist. Bei Alzheimer-Patienten leert sich dieser Energiespeicher drastisch. Ohne diesen entscheidenden Antrieb können Nervenzellen ihre Schaltkreise nicht mehr erhalten, Entzündungen nicht bekämpfen und eigene Giftstoffe nicht mehr abtransportieren. Dieser Energiekollaps führt letztlich dazu, dass Gehirnzellen nach und nach absterben.
P7C3-A20 soll den NAD+-Spiegel im Gehirn auffüllen
Den Mäusen wurde die Verbindung P7C3-A20 injiziert, ein neuroprotektiver Wirkstoff, der die Neurogenese fördert. Damit gelang es den Forschenden, die NAD+-Reserven im Gehirn gewissermaßen wieder „aufzutanken“, obwohl die Tiere bereits stark von der Krankheit gezeichnet waren. Selbst bei einigen Mäusen mit ausgeprägten Läsionen erholten sich die Nervenzellen, und die Mäuse erlangten ihre kognitiven Fähigkeiten vollständig zurück. Absolut bemerkenswert.
Steht der Mensch als Nächstes im Fokus?
Der Erfolg bei Nagetieren ist zwar vollständig, doch eine entscheidende Frage bleibt: Kann dieses Wunder auch beim Menschen gelingen? Nach Einschätzung der Forschenden wird es vermutlich keine einzige Tablette geben, die für alle wirkt. Da die Krankheit durch sehr unterschiedliche Ursachen ausgelöst werden kann, müssten künftige Behandlungen individuell zusammengestellt werden. Jeder Patient könnte eine gezielt dosierte Kombination von Medikamenten erhalten, um das eigene Gehirn zu reparieren.
Die Hoffnung, die das injizierte NAD+ weckt, ist so groß, dass Fachleute sogar ihre übliche Zurückhaltung ablegen. Professorin Tara Spires-Jones von der Universität Edinburgh geht davon aus, dass es innerhalb von fünf bis zehn Jahren Behandlungen geben könnte, die Patienten ein „normales Leben“ zurückgeben.
Das Vertrauen der Wissenschaftler beruht vor allem darauf, dass P7C3-A20 zwei Arten von Nervenzellen schützen konnte, die durch völlig unterschiedliche Schädigungen betroffen waren. Der Wirkstoff rettete einerseits Zellen, die durch Amyloid-Plaques erstickt wurden – bei der Amyloid-Form der Alzheimer-Krankheit. Andererseits reparierte er Zellen, deren innere Fasern durch das Tau-Protein zerstört waren, einem weiteren zentralen Krankheitsmechanismus. Unabhängig davon, auf welche Weise die Krankheit die Nervenzellen der Mäuse schädigte: Die Wiederherstellung ihres NAD+-Spiegels gab ihnen erneut die Kraft, zu überleben und wieder zu funktionieren.
Vorsicht ist dennoch geboten: Das menschliche Gehirn ist weitaus komplexer als das eines Nagetiers, und es ist keineswegs sicher, dass die Behandlung bei Patienten genauso wirksam sein kann. Die Forschenden selbst betonen, dass diese Ergebnisse keinerlei Rückschluss auf den Erfolg möglicher späterer Studien am Menschen zulassen. Solche Studien müssten nicht nur die Wirksamkeit prüfen, sondern auch die Sicherheit einer langfristigen Gabe von P7C3-A20. Die Autoren behaupten keinesfalls, eine universelle Therapie gefunden zu haben. Dennoch lässt sich diese Krankheit erstmals anders betrachten als als unumkehrbarer Prozess. Für die Geschichte der Medizin ist das ein Novum und rechtfertigt nach Ansicht der Autoren den Start streng kontrollierter klinischer Studien am Menschen.
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