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Leuchtturm von Alexandria: Neue Funde aus dem Mittelmeer

Taucher untersucht unter Wasser eine antike Säule mit Hieroglyphen, dahinter ein Schiff.

Jahrelang wirkte der legendäre Leuchtturm von Alexandria eher wie ein Mythos als wie ein Bauwerk aus Stein. Doch neu geborgene Steinblöcke vom Grund des Mittelmeers liefern nun handfeste Belege und verändern das Bild der Forschung von einer der eindrucksvollsten Ingenieurleistungen der Antike.

Ein monumentaler Fund unter den Wellen

Bei der jüngsten Expedition im östlichen Hafen von Alexandria wurden 22 gewaltige Architekturelemente geborgen, die sämtlich mit dem antiken Leuchtturm, dem Pharos von Alexandria, in Verbindung stehen. Die mehr als 1.600 Jahre unter Wasser liegenden Stücke werden inzwischen in Konservierungslaboren an Land untersucht.

„Mehrere Blöcke sind so gewaltig, dass das Gewicht eines einzigen Exemplars auf bis zu 80 Tonnen geschätzt wird – ein Hinweis auf ein Bauwerk von aussergewöhnlichem Anspruch.“

Zu den Funden zählen Teile eines monumentalen Tores, das einst den Zugang zum Leuchtturmkomplex einrahmte, sowie ein Abschnitt einer pylonartigen Konstruktion, die den Hauptturm vermutlich trug oder seitlich begrenzte. Dimensionen, Form und Stil der Steinbearbeitung stimmen mit früheren Unterwasseruntersuchungen der Leuchtturmruinen überein, die in den 1990er-Jahren erstmals systematisch kartiert wurden.

Die Blöcke lagen zwar in vergleichsweise flachem Wasser im Hafen von Alexandria, doch ihre Bergung war keineswegs einfach. Taucher mussten zunächst jahrhundertelange Schlickablagerungen und Bewuchs durch Meeresorganismen vorsichtig entfernen. Anschliessend hoben Ingenieure jeden Stein mithilfe von Hebesäcken und Kränen an die Oberfläche, ohne ihn zu beschädigen.

Warum Archäologen so begeistert sind

Fachleute betrachten die neuen Bauteile als seltene Gelegenheit, literarische Quellen, antike Münzen und mittelalterliche Zeichnungen mit konkreten materiellen Überresten zu verknüpfen. Schriftliche Darstellungen des Pharos sind häufig ungenau oder widersprüchlich. Bearbeitete Steinblöcke mit erhaltenen Werkzeugspuren und Messwerten zeichnen dagegen ein wesentlich klareres Bild.

  • Sie liefern exakte Masse wichtiger architektonischer Elemente.
  • Sie helfen dabei, die Gesamtproportionen und den Grundriss des Leuchtturms zu bestätigen.
  • Sie geben Hinweise auf Bautechniken der frühen hellenistischen Zeit.
  • Sie zeigen, wie ein derart hohes Bauwerk wiederholten Erdbeben standhalten sollte.

Jeder Block wird derzeit gescannt, gereinigt und fotografisch dokumentiert. Parallel läuft eine petrographische Untersuchung des Gesteins, um die Herkunft der Steinbrüche und die Transportwege zu bestimmen. Damit wird die Logistik eines der komplexesten Bauvorhaben im antiken Mittelmeerraum besser nachvollziehbar.

Der Leuchtturm von Alexandria: weit mehr als ein Seezeichen

Der Leuchtturm entstand um 280 v. Chr. unter Ptolemaios II. auf der kleinen Insel Pharos und schützte einen der geschäftigsten Häfen der antiken Welt. Für Händler, die aus Griechenland, der Levante, Nordafrika oder noch weiter entfernten Regionen kamen, kennzeichnete sein Licht den letzten Abschnitt einer gefährlichen Seereise.

Antike Autoren nannten eine Höhe von mehr als 100 Metern. Damit hätte der Pharos vor der Moderne zu den höchsten von Menschen errichteten Bauwerken der Erde gezählt. Die Schätzungen gehen zwar auseinander, doch die meisten Forschenden sind heute überzeugt, dass er einschliesslich seines dekorativen Abschlusses deutlich über 100 Meter hoch war.

„Der Pharos war nicht nur eine Navigationshilfe, sondern auch eine politische Botschaft, die allen Ankommenden auf dem Seeweg die Macht der Ptolemäer vor Augen führte.“

Ein kühnes Bauwerk aus drei Ebenen

Quellen und frühere Unterwassererkundungen weisen auf eine markante Konstruktion mit drei Stufen hin:

Abschnitt Form Funktion
Untere Ebene Massiver quadratischer Sockel Fundament, Lagerung und Stütze für die oberen Geschosse
Mittlere Ebene Achteckiger Turm Übergangsbereich zur Gewichtsreduzierung und zum Auffangen von Windlasten
Obere Ebene Zylindrischer Abschnitt Plattform für das Licht und wahrscheinlich für eine monumentale Statue

An der Spitze brannte nachts ein Feuer, dessen Schein vermutlich durch polierte Spiegel aus Metall oder Bronze verstärkt und weiter aufs Meer hinausgeworfen wurde. Tagsüber diente der helle Steinturm selbst als weithin sichtbare Landmarke am Horizont.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Region immer wieder von Erdbeben erschüttert. Reisende des Mittelalters berichteten bereits von schweren Schäden. Der endgültige Einsturz wird in das frühe 15. Jahrhundert datiert; danach wurden erhaltene Steine nach und nach für spätere Bauten wiederverwendet, unter anderem für nahe gelegene Befestigungen.

Vom Meeresgrund auf den Bildschirm: Projekt „Pharos“

Die geborgenen Blöcke stehen im Zentrum eines ambitionierten Forschungsprogramms französischer und ägyptischer Teams. Die Architektin Isabelle Hairy vom CNRS koordiniert die Rekonstruktionsarbeiten. Das schlicht „Pharos“ genannte Projekt soll den Leuchtturm in digitaler Form wiederaufbauen.

Jeder einzelne Stein wird mit hochauflösender 3D-Scan-Technik erfasst. Diese Daten fliessen in ein detailliertes Architekturmodell ein, das am Bildschirm gedreht, aufgeschnitten und auf Belastungen geprüft werden kann.

„Die Forschenden setzen faktisch ein riesiges virtuelles Puzzle zusammen, Stein für Stein, und überbrücken damit die Lücke zwischen Mythos, Textquellen und materiellen Belegen.“

Die digitale Rekonstruktion ermöglicht es Wissenschaftlern, unterschiedliche Szenarien zu prüfen. Wie wurde das Gewicht der oberen Ebenen über den Sockel nach unten abgeleitet? Welche Verbindungen waren gegenüber seismischen Erschütterungen am anfälligsten? Lassen sich bestimmte Schadensphasen an den Steinen mit bekannten, für die Region überlieferten Erdbeben verknüpfen?

Eine neue Sicht auf ein verlorenes Weltwunder

Das Modell „Pharos“ ist nicht nur für das Forschungslabor gedacht, sondern soll auch öffentlich nutzbar werden. Virtual-Reality-Brillen und immersive Projektionen könnten Besuchern ermöglichen, durch einen digitalen Hafen von Alexandria zu gehen, zum Leuchtturm aufzuschauen und auf seiner oberen Plattform zu stehen, während die Sonne über dem Mittelmeer untergeht.

Museen greifen zunehmend auf solche 3D-Rekonstruktionen zurück, wenn Stätten unzugänglich, zerstört oder stark erodiert sind. Beim Pharos, dessen ursprünglicher Turm längst verschwunden ist, könnte ein sorgfältig entwickeltes digitales Modell die genaueste Annäherung an das Original sein.

Wie Unterwasserarchäologie vor Ort tatsächlich funktioniert

Die Bergung von Teilen eines 2.300 Jahre alten Leuchtturms dauert länger, als es zunächst klingt. Die Teams können nur in kurzen Phasen arbeiten, in denen das Meer ruhig ist und die Sichtverhältnisse ausreichend sind. Selbst dann findet die Arbeit oft in trübem, sedimentreichem Wasser statt.

Taucher führen systematische Untersuchungen durch und dokumentieren jeden Fund mit GPS-Koordinaten sowie Unterwasserfotografie. Danach kennzeichnen sie die Stücke für die Bergung, stabilisieren lockere Sedimente und sichern empfindliche Elemente bei Bedarf mit provisorischen Stützen. Erst anschliessend dürfen Hebeschlingen und Luftsäcke an den Steinen befestigt werden.

An Land behandeln Konservierungsteams die Blöcke unverzüglich, um Salz und Meeresorganismen zu entfernen. Wird dieser Schritt überstürzt oder ausgelassen, können sich Salzkristalle im Stein ansammeln und Jahre später Risse verursachen.

Warum dieser Leuchtturm heute noch wichtig ist

Der Pharos von Alexandria zählt aus gutem Grund zu den klassischen „Sieben Weltwundern der Antike“. Über mehr als ein Jahrtausend faszinierte er Reisende und prägte die Vorstellung davon, wie eine Hafenstadt aussehen konnte.

Auch moderne Leuchttürme beruhen auf demselben Grundprinzip: Höhe, Sichtbarkeit und Zuverlässigkeit. Da sich der Küstenbau mit steigendem Meeresspiegel und veränderten Sturmverläufen auseinandersetzen muss, können die Lösungsansätze antiker Baumeister für Wellen, Wind und Erdbeben nützliche Vergleichsdaten liefern – auch wenn ihre Technik völlig anders war.

„Der Leuchtturm steht am Schnittpunkt von Ingenieurwesen, Handel, Politik und Religion und ist damit ein zentraler Fall für die Frage, wie komplexe Gesellschaften Macht demonstrieren und Risiken steuern.“

Wichtige Begriffe erklärt

Für Leser, die sich für die technische Seite interessieren, tauchen in der Forschung immer wieder einige zentrale Konzepte auf:

  • Pylon: In diesem Zusammenhang ein massives Architekturelement, das möglicherweise den Eingang flankierte oder konstruktive Lasten nahe dem Sockel des Leuchtturms aufnahm.
  • 3D-Scanning: Eine Methode, die mit Lasern oder strukturiertem Licht Millionen von Punkten auf einer Oberfläche erfasst und daraus eine präzise digitale Kopie des Steins erzeugt.
  • Seismische Anfälligkeit: Die Art, wie ein Bauwerk auf Erdbeben reagiert; beeinflusst wird sie etwa durch Gewichtsverteilung, Flexibilität und die Gestaltung des Fundaments.
  • Hellenistische Zeit: Die Epoche zwischen dem Tod Alexanders des Grossen und dem Aufstieg Roms, in der sich griechisch geprägte Kultur an Orten wie Ägypten mit lokalen Traditionen verband.

Eine mögliche künftige Besichtigung des antiken Hafens

Sobald die digitale Rekonstruktion abgeschlossen ist, ziehen die Forschenden mehrere Möglichkeiten in Betracht. Eine davon ist ein Augmented-Reality-Erlebnis an der heutigen Küste Alexandrias. Besucher könnten nahe der modernen Festung stehen und den Leuchtturm über ihr Smartphone oder ein Headset in seiner ursprünglichen Grösse erneut am Horizont aufragen sehen.

Eine weitere Option liegt unter Wasser. Mithilfe klarer Beschilderung und digitaler Führungen könnten ausgebildete Taucher markierten Routen entlang der versunkenen Fundamente folgen. Dabei würden sie sowohl die echten Steine als auch eine digitale Überlagerung sehen, die zeigt, wie diese einst zusammengefügt waren. Die Verbindung von physischen Überresten und virtueller Rekonstruktion könnte den antiken Hafen in ein eindrucksvolles Freiluftklassenzimmer für antikes Ingenieurwesen, Handel und Küstenwandel verwandeln.

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