Was zunächst wie ein spektakulärer, aber vertrauter Fund aus der Eisenzeit wirkte, entwickelt sich für Archäologinnen und Archäologen zu einem Krimi mit langsam enthüllten Spuren. Mithilfe moderner Chemie, 3D-Bildgebung und geplanter Analysen alter DNA verfolgen Forschende nun die Route jener Krieger, die in einem schlanken hölzernen Kriegsschiff auf der Insel Als eintrafen – und nie in ihre Heimat zurückkehrten.
Der gescheiterte Überfall, den die Zeit bewahrte
Vor etwa 2.400 Jahren, lange bevor römische Legionen Europa durchquerten, näherte sich eine kleine Flotte der Insel Als vor der südjütländischen Küste des heutigen Dänemark. An Bord befanden sich ungefähr achtzig Kämpfer mit Speeren, Schilden und einigen wertvollen Eisenschwertern. Ihre langen, schmalen Boote waren rund 20 Meter lang; sie bestanden aus zusammengenähten Planken, deren Fugen mit Teer abgedichtet wurden, nicht mit Eisennägeln.
Der Plan war ebenso einfach wie gewaltsam: ein schneller amphibischer Angriff auf Gegner auf der Insel. Doch die Angreifer trafen auf Verteidiger, die vorbereitet waren. Kurz nach der Landung wurden die Räuber niedergemacht, und ihr Feldzug endete nahezu unmittelbar nach seinem Beginn.
Anschließend taten die Sieger etwas, das die archäologische Forschung Jahrhunderte später prägen sollte. Sie beluden eines der erbeuteten Boote mit Waffen, schleppten es in ein nahegelegenes Moor und versenkten es als rituelles Opfer für ihre Götter.
„Die Entscheidung, ein erobertes Kriegsschiff in einem Moor zu versenken, machte aus einer Trophäe vom Schlachtfeld eines der besten Fenster Europas in die frühe Seekriegsführung.“
Moore sind gegenüber manchen Materialien unerbittlich, können andere jedoch erstaunlich schonend erhalten. Das sauerstoffarme Wasser bremst den Zerfall und bewahrt Holz, Leder sowie organische Rückstände, die normalerweise längst verschwunden wären. Deshalb überdauerte dieses heute als Hjortspring-Boot bekannte Schiff nicht bloß als verstreute Ansammlung von Holzresten.
Vom geheimen Fund zum nationalen Symbol
Das Moor auf Als, das heute Hjortspring Mose heißt, bewahrte sein Geheimnis bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Einheimische Arbeiter stießen auf Teile eines außergewöhnlich gut erhaltenen antiken Bootes und erkannten sofort dessen politische und kulturelle Bedeutung.
Allerdings gab es ein Problem: Die Region war kurz zuvor von Preußen erobert und in das Deutsche Reich eingegliedert worden. Dänische Altertumsforschende befürchteten, ein spektakuläres prähistorisches Kriegsboot könne als deutsches Kulturerbe beansprucht werden. Daher hielten sie den Fund geheim und bewachten die Überreste im Stillen, bis die Insel 1920 wieder zu Dänemark gehörte.
Erst 1921 wurde das Schiff bei systematischen Ausgrabungen aus dem Moor geborgen. Mit den besten damaligen Methoden dokumentierte man Rumpfform, Konstruktion und Waffenladung sorgfältig. Anschließend wurde es im Nationalmuseum von Dänemark in Kopenhagen ausgestellt, wo es noch immer ein Kernstück der maritimen Geschichte der Eisenzeit ist.
Gemessen an den Maßstäben der 1920er-Jahre leisteten die frühen Archäologinnen und Archäologen Außergewöhnliches. Sie erfassten die Form des Rumpfes, die Verbindungen der Bauteile und die mitgeführten Waffen. Doch jene Labormethoden, die die moderne Archäologie prägen – hochpräzise Datierungen, Molekularanalysen und digitale Bildgebung –, existierten noch nicht. Entscheidende Fragen blieben offen, vor allem ein hartnäckiges Rätsel: Woher stammte diese Kriegerschar tatsächlich?
Ein wissenschaftlicher Neustart nach einem Jahrhundert
2023 schlossen sich Forschende der Universität Lund und der Universität Göteborg mit dem Nationalmuseum zusammen, um Material aus der ursprünglichen Grabung erneut zu untersuchen. Kisten mit Holzsplittern, Teerklumpen und Tauwerk, die jahrzehntelang in Depots gelegen hatten, rückten plötzlich ins Zentrum der Forschung.
Zu den vielversprechendsten Proben gehörte die dunkle, klebrige Dichtmasse zwischen den Planken: der Kalfaterteer. Diese unscheinbare schwarze Substanz war vor mehr als zwei Jahrtausenden von Hand aufgetragen worden, um das kalte Wasser des Nordens vom Rumpf fernzuhalten. Auf einem Stück war sogar der schwache Abdruck eines menschlichen Fingers zu erkennen.
Mithilfe der Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC–MS) entschlüsselte das Team die chemische Signatur des Teers. Aus einer scheinbar namenlosen schwarzen Masse trat eine eindeutig erkennbare Rezeptur hervor.
„Die Kalfaterung erwies sich als ausgeklügelte Mischung aus tierischem Fett und Kiefernpech, die auf bestimmte Landschaften und Traditionen der Ressourcennutzung hinweist.“
Diese Zusammensetzung ist bedeutsam, weil sie das Boot mit einer bestimmten ökologischen Umwelt verbindet. Kiefernpech entsteht nicht beliebig irgendwo, und sein Nachweis warf neue Fragen danach auf, wo dieser Teer hergestellt worden sein könnte.
Das Rätsel um Kiefernpech und eine Fernreise
Dänemark ist heute von Feldern, Städten und kleinen Waldflächen geprägt. In vorgeschichtlicher Zeit verschwanden große Waldgebiete früh, weil Bauern Land rodeten. Geologische Untersuchungen und Pollenanalysen zeigen, dass die meisten Kiefernwälder in Dänemark und Norddeutschland bis zum späten Neolithikum stark zurückgedrängt worden waren.
Falls Kiefernholz vor Ort knapp geworden war, standen Bootsbauern in Jütland und an den nahe gelegenen deutschen Küsten andere Mittel zur Abdichtung ihrer Schiffe zur Verfügung, etwa Leinöl oder Rindertalg. Diese Stoffe waren verfügbar, zweckmäßig und bestens bekannt.
Warum also der Aufwand mit Kiefernpech? Die chemischen Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Teer wahrscheinlich aus einer Gegend stammte, in der Kiefern weiterhin reichlich vorkamen. Um das vierte Jahrhundert v. Chr. bedeutete das einen Blick nach Osten, entlang der Ostseeküsten, an denen dichte Nadelwälder noch die Ufer säumten.
Dieses einzelne Detail – die Chemie des Teers – veränderte die Karte. Statt nach einer kurzen Überfahrt aus einem benachbarten Fjord auszusehen, erschien das Hjortspring-Boot nun eher als Erzeugnis einer Gemeinschaft, die mehrere hundert Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Ostsee ansässig war.
- Lokale Herkunft aus Jütland: Hier wäre eher Leinöl oder ausschließlich tierisches Fett zu erwarten, mit nur wenig Kiefernpech.
- Herkunft aus dem nahen Norddeutschland: Zu diesem Zeitpunkt bestanden dort ähnliche Einschränkungen bei den Kiefernwäldern.
- Herkunft von der Ostseeküste: Dies passt zu einem leichten Zugang zu Kiefern und zum chemischen Profil des Teers.
Zugleich engte die Radiokarbondatierung von Seilen aus Lindenbast den zeitlichen Rahmen ein. Das Tauwerk datiert auf 381 bis 161 v. Chr. und verankert das Schiff eindeutig in der vorrömischen Eisenzeit. Dies stimmt mit dem Stil der Waffen überein, liefert nun jedoch eine belastbare wissenschaftliche Datierung statt bloßer stilistischer Vergleiche.
Handel, Raubzüge und die ältere Geschichte der Seefahrt
Fernfahrten in Nordeuropa begannen nicht erst mit den Wikingern. Bereits Skandinavier der Bronzezeit segelten weit, um Kupfer zu beschaffen, bis nach Mitteleuropa und möglicherweise noch weiter. Eisen veränderte diese Ausgangslage: Als Menschen in Skandinavien ihr eigenes Eisen aus örtlichem Raseneisenerz verhütten konnten, ließ der wirtschaftliche Druck zu Überseereisen nach.
Die Befunde von Hjortspring legen nahe, dass weiträumige Bewegungen über das Meer mit dem Ende der Bronzezeit nicht einfach verschwanden. Überfalltrupps und Händler fuhren weiterhin auf offenes Wasser hinaus, angetrieben von Politik, Prestige oder schlichtem Opportunismus statt allein vom Bedarf an Metallrohstoffen.
„Das Hjortspring-Boot verlegt den Beginn organisierter Überfälle zur See im Norden beinahe 3.000 Jahre vor die Wikingerzeit zurück.“
Das beeinflusst, wie Historikerinnen und Historiker nördliche Gesellschaften bewerten. Es weist auf Gemeinschaften hin, die bereits mit koordinierten Seeoperationen, gemeinsamen Taktiken und möglicherweise regionalen Bündnissen über den Ostseeraum hinweg vertraut waren. Gewalt konnte über Seewege hinwegschlagen, statt an Küstenlinien zu enden.
Zugleich deutet es auf junge Krieger hin, die bereit waren, sich weit entfernt von zu Hause auf gefährliche Expeditionen einzulassen. Ein Angriff auf Als war nicht nur eine schnelle Fahrt über eine Bucht, sondern bedeutete Tage unterwegs über offene Bereiche der Ostsee, Navigation bei wechselhaftem Wetter und das ständige Risiko, die eigene Küste nie wiederzusehen.
Der Fingerabdruck im Teer des Hjortspring-Boots
Unter den für die Analyse ausgewählten Teerklumpen fiel ein Stück besonders auf. In die damals noch weiche Dichtmasse war ein unvollständiger Fingerabdruck gedrückt worden, als jemand den Kalfaterteer vor mehr als zwei Jahrtausenden mit dem Daumen in eine Fuge presste.
Mittels Röntgen-Mikrotomographie erzeugte das Forschungsteam ein hochauflösendes 3D-Modell dieses Abdrucks. Die Bildgebung reichte bis in den Nanometerbereich und damit weit über das hinaus, was auf der dunklen Oberfläche mit bloßem Auge erkennbar wäre. Leisten, Wirbel und kleinste Unregelmäßigkeiten eines einzelnen menschlichen Fingers traten aus einem Fleck alten Teers wieder hervor.
Die Musteranalyse legt nahe, dass der Abdruck von einem Erwachsenen stammt, möglicherweise von einem Bootsbauer oder einem Besatzungsmitglied, das bei Notreparaturen half. Darüber hinaus bleibt die Person unbekannt. Dennoch wirkt die Spur merkwürdig unmittelbar: ein bestimmter Mensch an einem bestimmten Tag, der einen Finger in warmes Pech drückt, während er sich auf ein Unternehmen vorbereitet, das im Desaster enden sollte.
Suche nach alter DNA im klebrigen schwarzen Gold
Der nächste Schritt ist noch ambitionierter. Die Forschenden wollen versuchen, alte DNA direkt aus dem Teer zu gewinnen. Die klebrige Mischung könnte mikroskopisch kleine Fragmente von Hautzellen, Haaren oder Schweiß jener Menschen eingeschlossen haben, die sie verarbeiteten.
Sollte genetisches Material überlebt haben, könnte es Hinweise auf umfassendere Bevölkerungsbeziehungen geben: Ähnelten diese Krieger Gruppen der Eisenzeit aus dem Küstengebiet Polens, den baltischen Staaten, Südskandinavien oder einer ganz anderen Region? Niemand rechnet mit einer forensischen Identifizierung, doch Signale auf Bevölkerungsebene könnten die Suche nach ihren Heimatküsten eingrenzen.
| Technik | Was sie zeigt |
|---|---|
| Chemische GC–MS-Analyse | Bestandteile des Teers, die ihn mit kiefernreichen Landschaften verbinden |
| Radiokarbondatierung | Kalenderalter von Seilen und organischen Resten |
| Röntgentomographie | 3D-Struktur des Fingerabdrucks in mikroskopischer Auflösung |
| Analyse alter DNA (geplant) | Genetische Hinweise auf den breiteren Bevölkerungshintergrund der Besatzung |
Warum dieses Boot weit über Dänemark hinaus bedeutsam ist
Das Hjortspring-Boot steht im Mittelpunkt mehrerer Debatten, die weit über ein einzelnes dänisches Moor hinausreichen. Maritime Archäologinnen und Archäologen betrachten es als Bindeglied zwischen Einbäumen und späteren Klinkerbooten mit überlappenden Planken. Militärhistoriker sehen darin einen Beleg für frühe amphibische Kriegführung in Nordeuropa. Für Klima- und Umweltforschende sind Teer und Holz wertvolle Zeugnisse dafür, wie Menschen mit Entwaldung und Ressourcenknappheit umgingen.
Für Marinehistoriker bietet das Schiff zudem eine seltene Gelegenheit, seine Leistungsfähigkeit zu erproben. Rekonstruktionen im Maßstab 1:1 brachten Besatzungen auf Replikate zu Wasser und zeigten, dass das Boot bei einem über Stunden durchhaltbaren Paddeltempo beträchtliche Strecken zurücklegen kann. Das stützt die Annahme, dass Ostseeüberquerungen zwar anspruchsvoll, aber für Besatzungen der Eisenzeit durchaus zu bewältigen waren.
Die Geschichte wirft auch Fragen nach Risiko und Rückkehr auf. Einen solchen Raubzug zu organisieren, erforderte den Bau und Unterhalt spezialisierter Schiffe, das Training von Kriegern zum gleichmäßigen Paddeln und Navigieren entlang wechselnder Küsten sowie Bündnisse, die Dutzende Kämpfer aufbieten konnten. Ein gescheiterter Überfall – wie jener auf Als – bedeutete nicht nur verlorene Menschenleben, sondern auch versenkte Boote, Waffen und Ansehen.
Für heutige Leserinnen und Leser liefert die Hjortspring-Forschung ein greifbares Beispiel dafür, wie Wissenschaft aus alten Funden neue Erkenntnisse gewinnen kann. Eine vor einem Jahrhundert entnommene, still in einer Museumskiste gelagerte Teerprobe wird unter modernen Instrumenten zu einem datenreichen Archiv. Vergleichbare „schlafende“ Proben liegen weltweit in Sammlungen, von Schiffshölzern bis zu Keramikrückständen, und warten auf neue Fragen und Methoden.
Die Arbeit an diesem Boot zeigt außerdem, wie verschiedene Fachrichtungen ineinandergreifen. Pollenanalysen rekonstruieren verschwundene Wälder. Chemie verfolgt alte Rezepturen und Handelswege. Bildgebende Verfahren machen die feinen Spuren menschlicher Berührung sichtbar. Genetik wird, falls sie gelingt, eine weitere Ebene ergänzen und Hinweise darauf geben, wo diese Krieger als Kinder aufwuchsen, bevor sie jemals ein Kriegsboot betraten.
Schließlich erinnert das Hjortspring-Projekt daran, dass frühe Gesellschaften des Nordens bereits wie Seemächte dachten und handelten. Lange bevor Langschiffe mit Drachenköpfen zum Sinnbild der Wikingerausbreitung wurden, begannen Küstengemeinschaften rund um die Ostsee, das Meer nicht als Hindernis, sondern als Verkehrsweg für Handel, Migration und Krieg zu begreifen. Der Fingerabdruck im Teer ist nicht nur eine persönliche Spur; er ist das Zeichen eines Menschen aus einer der ersten Generationen, die ihr Schicksal auf diesen Verkehrsweg setzten.
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