Menschen altern nicht alle gleich schnell. Zwei Personen, die im selben Jahr geboren wurden, können körperlich in sehr unterschiedlichem Tempo „abbauen“.
Ein Zuviel an Körperfett könnte ein Teil der Erklärung sein. Eine neue Übersichtsarbeit bündelt jahrelange Forschung, die diese Annahme stützt.
Dabei geht es um mehr als die üblichen Hinweise auf Krankheiten: Adipositas könnte das biologische Altern des Körpers selbst beschleunigen.
Erstellt wurde die Übersichtsarbeit von Forschenden des West China Hospital der Sichuan University.
Das Team untersuchte, weshalb Adipositas und Altern so eng miteinander verknüpft sind, und beleuchtete die biologischen Mechanismen, die beiden Prozessen gemeinsam sind.
Was den Körper altern lässt
Altern ist ein schleichender Vorgang, bei dem sich Schäden innerhalb von Zellen nach und nach ansammeln.
Fachleute beschreiben rund ein Dutzend biologische Kennzeichen (Hallmarks) des Alterns; zu den am besten verstandenen zählen chronische Entzündungen und Schäden an der DNA.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Adipositas als einen Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder höher.
Studien zeigen, dass das Risiko eines vorzeitigen Todes insgesamt meist bei einem BMI zwischen 20 und 25 am niedrigsten ist und mit steigenden BMI-Werten oberhalb dieses Bereichs zunimmt.
Adipositas greift in viele der gleichen biologischen Signalwege ein, die auch das Altern vorantreiben.
Deshalb beschreibt die Übersichtsarbeit Adipositas nicht nur als Risikofaktor für altersassoziierte Erkrankungen, sondern als Zustand, der den Alterungsprozess an sich beschleunigen kann.
Zusätzliche Fettmasse hält den Körper in Entzündung
Entzündung ist eigentlich als kurzfristige Reaktion gedacht: Sie tritt bei Verletzung oder Infektion auf und klingt danach wieder ab.
Bei Adipositas bleibt sie jedoch bestehen. Fettgewebe wird von Immunzellen durchsetzt, die fortlaufend entzündliche Botenstoffe aussenden.
Eine dieser Zellen ist der Makrophage, der zelluläre „Abfälle“ beseitigt. In adipösem Fettgewebe steigt sein Anteil von etwa 10 Prozent der Immunzellen auf über 40 Prozent.
Für dieses Muster gibt es einen eigenen Begriff: „Inflammaging“. Es begünstigt zudem eine Insulinresistenz, bei der Zellen nicht mehr ausreichend auf das Hormon reagieren, das den Blutzucker steuert.
Zelluläres Altern nimmt zu
Unsere DNA liegt in Strukturen, die Chromosomen heissen. An ihren Enden sitzt jeweils eine Schutzkappe, das Telomer.
Bei jeder Zellteilung werden Telomere ein Stück kürzer. Sind sie zu stark verkürzt, stellt die Zelle die Teilung ein oder geht zugrunde.
Adipositas scheint diese Verkürzung zu beschleunigen. Junge Menschen mit Adipositas wiesen Telomere auf, die ungefähr so kurz waren wie bei deutlich älteren, schlankeren Erwachsenen.
Warum genau das passiert, ist noch nicht eindeutig geklärt. Als wichtigste Verdächtige gelten oxidativer Stress und Entzündung – beides häufige Begleiter von Adipositas.
Wie Adipositas die Genaktivität verändert
Gene lassen sich an- oder abschalten, ohne dass sich die DNA-Sequenz selbst verändert. Stattdessen steuern winzige chemische Markierungen auf der DNA die Genaktivität – ein Prozess, der als Epigenetik bekannt ist.
Mit zunehmendem Alter verändern sich diese Markierungen in einem typischen Muster. In bestimmten Geweben scheint Adipositas diese Verschiebung zu beschleunigen.
In einer Studie wurde eine geringe Gewichtszunahme in der Leber mit rund einem Jahrzehnt zusätzlicher epigenetischer Alterung in Verbindung gebracht. Im Blut zeigte sich dieser Sprung nicht – der Effekt hängt also vom jeweiligen Gewebe ab.
Zudem wirkt der Zusammenhang in beide Richtungen: Gewichtszunahme kann diese Markierungen verschieben, und veränderte Markierungen könnten umgekehrt weiteres Gewicht begünstigen.
Adipositas belastet Zellen und Reparaturmechanismen
Zusätzlich setzt Fett den „Kraftwerken“ der Zelle zu: den Mitochondrien, die Nahrung in nutzbare Energie umwandeln.
In adipösem Gewebe produzieren Mitochondrien weniger Energie. Ausserdem zeigen sie Schäden, wie man sie typischerweise eher im höheren Alter erwartet.
Auch das Reparatursystem leidet. Stammzellen – gewissermassen Ersatzteillager für den Austausch abgestorbener Zellen – werden bei Adipositas weniger zahlreich und weniger leistungsfähig.
Gleichzeitig nehmen DNA-Schäden zu. Bei adipösen Patientinnen und Patienten fand man in bestimmten Blutzellen etwa doppelt so viele DNA-Schäden wie bei Menschen mit Normalgewicht.
Abgenutzte Zellen sammeln sich schneller an
Manche stark beanspruchten Zellen hören auf, sich zu teilen, sterben aber nicht ab. Sie verbleiben im Gewebe und geben entzündliche Signale ab.
Diese Zellen heissen seneszente Zellen. Mit dem Alter häufen sie sich ohnehin an – und Adipositas scheint diese Ansammlung zu beschleunigen, besonders im Fettgewebe.
Der Effekt beschränkt sich nicht nur auf Fett. Bei Mäusen mit fettreicher Ernährung sammelten sich solche Zellen auch im Gehirn und in der Bauchspeicheldrüse.
In anderen Arbeiten brachte das Entfernen seneszenter Zellen bei alternden Mäusen Vorteile. Ob sich das auf den Menschen übertragen lässt, ist bislang nicht abschliessend geklärt.
Adipositas bringt die Darmbakterien aus dem Gleichgewicht
Im Darm leben Billionen Bakterien. Ihre Zusammensetzung beeinflusst Immunabwehr und Stoffwechsel im ganzen Körper.
Adipositas verschiebt diese Mischung ungünstig: Nützliche Arten nehmen ab, und die Gesamtvielfalt sinkt.
Bei einem gestörten Darmmikrobiom wird die Darmbarriere durchlässiger. Bakterielle Bestandteile gelangen leichter ins Blut und fördern eine chronische, niedriggradige Entzündung.
Eine ähnliche Veränderung wird auch beim normalen Altern beobachtet – damit erhält Adipositas einen weiteren Hebel, Alterungsprozesse zu verstärken.
Abnehmen könnte Schäden teilweise zurückdrehen
Der hoffnungsvollere Teil: Einige dieser alterungsähnlichen Veränderungen scheinen sich bei Gewichtsverlust zumindest teilweise zurückzuentwickeln.
Kalorienrestriktion und Bewegung wurden mit längeren Telomeren in Zusammenhang gebracht.
Grössere Gewichtsverluste gingen mit grösseren Zuwächsen der Telomerlänge einher, und der Effekt nahm mit dem Ausmass der Abnahme zu.
Ein paar Berichte deuten bei Operationen in eine ähnliche Richtung: Nach Eingriffen zur Gewichtsreduktion verbesserte sich bei Menschen mit schwerer Adipositas die Stabilität der DNA.
Das ist jedoch kein Zurückspulen auf Knopfdruck. Die Übersichtsarbeit zeigt Zusammenhänge und Trends, liefert aber keinen Beweis dafür, dass Abnehmen das Altern tatsächlich umkehrt.
Adipositas-Medikamente könnten das Altern ebenfalls bremsen
Das Team bewertete ausserdem neuere Medikamente gegen Adipositas. Dazu gehören Wirkstoffe, die heute zur Gewichtsreduktion und bei Diabetes eingesetzt werden, unter anderem Semaglutid, Tirzepatid und Liraglutid.
In Laborstudien mit einfachen Modellorganismen minderten einige dieser Mittel Alterungsanzeichen. In einem Experiment verlängerte Liraglutid die durchschnittliche Lebensspanne von Rundwürmern um etwa 9 Prozent.
Orlistat verhindert, dass ein Teil des Nahrungsfetts aufgenommen wird. In Zelltests brachte es bestimmte Tumorzellen ausserdem dazu, sich selbst abzutöten.
All das belegt nicht, dass diese Medikamente das Altern beim Menschen verlangsamen. Die meisten Hinweise stammen aus Studien an Würmern, Mäusen oder Zellkulturen – nicht aus Untersuchungen an Patientinnen und Patienten.
Was sich aus den Ergebnissen nicht ableiten lässt
Die Autorinnen und Autoren formulieren ihre Aussagen bewusst zurückhaltend. Es handelt sich um eine Übersichtsarbeit, die vorhandene Studien zusammenführt und bewertet, anstatt neue Experimente durchzuführen.
Die robustesten Daten stammen überwiegend aus Mausmodellen oder aus Zellen im Labor. Ergebnisse beim Menschen zeigen meist nur Zusammenhänge, und daraus lässt sich nicht beweisen, dass Adipositas schnelleres Altern verursacht.
Auch die genauen molekularen Schritte sind weiterhin unklar. Ein gesundes Körpergewicht senkt nachweislich das Krankheitsrisiko – und diese Übersichtsarbeit legt nahe, dass es zudem beeinflussen könnte, wie schnell der Körper altert.
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